• Jochen

Wer a sagt muss auch himsa sagen!

Aktualisiert: 12. Okt 2018



Ich liebe Austern.


Ich mag es die Dinger zu schlürfen, einige Tropfen reife Zitrone drauf, frisch gemahlener Pfeffer, ein paar dünne Scheiben Pumpernickel mit einer Tomaten-Anchovies Creme und dazu ein gut gekühltes Glas Chardonnay. Lecker.

Austern Atlantik Frankreich

Am liebsten sind mir die großen, fleischigen, frisch aus dem Atlantik – die, die vor wenigen Stunden noch im Wasser waren.


Nach unseren heutigem Maßstäben, sind Austern niedere Lebewesen. Wir gehen davon aus, dass sie kein Gehirn und mit Ausnahme einiger weniger Drucksensoren keine inneren Organe haben.


Im Allgemeinen kann man gut begründet sagen: Austern fühlen nix, sind ja nicht einmal Fische, geschweige denn Säugetiere. Sind im Prinzip Pflanzen, die fühlen sicher keinen Schmerz. Ich hörte von nicht ganz unbekannten indischen Yogis, die soweit gingen, Fische als "Wasserpflanzen" einstuften, um sich ruhigen gewissens weiterhin als Veggies bezeichnen zu können. Man könnte also sogar Austern essen und sich trotzdem weitestgehend als Vegetarier fühlen.


Andererseits was wissen wir schon? Wir halten uns für so kultiviert und weit entwickelt und haben trotzdem ein krasses Demut- und Respektsproblem vor dem Leben schlechthin. Wie sonst lassen sich unsere Einstellungen gegenüber tierischen Nahrungsmittel erklären? Ok, man könnte anstatt Respektlosigkeit auch Ignoranz anführen, läuft am Ende aber auf das selbe hinaus.


Oktopus ist schöner im Meer als auf dem Teller

Doch ich will gar nicht so sehr auf andere schauen, zurück zu meinen Austern oder besser gesagt weiter zum: Pulpo. Richard David Precht hat vor einiger Zeit im Zuge seiner "Tiere denken"-Buch-Promo analysiert, welch hochentwickelte Lebewesen Kraken sind. Ich mag Pulpo fast genauso gerne wie Austern – jedenfalls so wie ihn die Portugiesen zubereiten... Traditionell wird der Oktopus, wenn er frisch aus dem Meer kommt, gegen einen Stein gehauen, unter anderem damit die Eiweißketten zerbrechen und das Tier nachher beim Verspeisen schön zart ist.



Wir beurteilen Intelligenz und das Vermögen Schmerz zu empfinden oder Mitgefühl zu entwickeln nach unseren selbst gesetzten Maßstäben und nachdem was wir wissenschaftlich herausfinden können oder besser: wollen. Alles, das außerhalb unserer selbst gewählten Definitionen läuft ist eben nicht so oder auch einfach wurscht.


Austern sind wie gesagt besonders frisch zu genießen, d.h. sie sollten noch leben. Um sie zu öffnen, muss man mit einem robusten Messer zwischen die Schalen reinpiecksen und den großen Muskel, mit dem die Auster schützend ihren Deckel zuhält, durchtrennen. Dann träufelt man auf die frische Wunde Zitronensäure, scharfen Pfeffer und kann das im Todeskampf befindliche Tier genüsslich herunter-schlabbern. Ich muss mir die Frage von meinem Gewissen gefallen lassen: Liebe ich wirklich Austern oder Pulpo? Was hat das eigentlich mit Liebe zu tun?


....und was hat das mit Yoga zu tun?


Ziemlich viel sogar. Aus einer yogischen Sicht gibt es mehrere gute Gründe Tiere nicht zu essen – auch niedere nicht.




1. ahiṃsā (अहिंसा)


Zum achtgliedrigen Pfad im Yoga gehören an erster Stelle die yama - eine Art Verhaltenskodex und das erste yama ist ahimsa. Ahimsa ist ein Wort aus dem Sanskrit und heisst wörtlich "Nicht-Verletzen". Ganz banal: Man kann nicht Tiere oder tierische Produkte auf dem Speiseplan haben und gleichzeitig "nicht-verletzen". Damit ich ein Tier oder ein tierisches Produkt (z.B. auch Milchprodukte) essen kann, muss ich dem Lebewesen Gewalt zufügen, entweder es töten oder im Falle der Milch vergewaltigen, der Kuh ihr Kalb wegnehmen und maschinell die Milch abzusaugen, (Charlotte Roche hat dazu vor kurzem einen sehr bemerkenswerten Artikel in der SZ veröffentlicht).

Ganz zu schweigen von all dem Medikamenten-Kram und Produktivitäts-Zuchtlinien-Zeugs, das häufig dazu führt dass Tiere deformiert und unter unwürdigen Umständen auf ihre Schlachtung zielgerichtet hochgemästet werden. Auch wenn ich mich davor wegdrehe und die Tatsachen ignoriere, aber am Ende ist es sehr einfach:

Tierisches Essen erzeugt Leid, wenn ich das vermeiden will, muss ich Pflanzen essen.


Warum aber sollte ich überhaupt Leid vermeiden? Ich könnte ja durchaus die Frage stellen "so what"? Was geht mich die dumme Kuh an?


Nun, es gibt im Yoga die Idee - und die ist wahrlich nicht besonders einzigartig, denn im Hinduismus, Buddhismus und bei Star Wars taucht diese Idee in Teilen oder auch komplett immer wieder auf - dass alles miteinander in Verbindung steht und alles was ich tue erzeugt ein Echo in den Zusammenhängen. Im Hinduismus wird das mit Karma beschrieben und es droht eine Reinkarnation als Kakerlake oder Stein. Ich will jedoch weg von der Drohung hin zum Thema Verantwortung. Persönlich bin ich der festen Überzeugung, dass wir mit allem auf der Welt eine Verbindung haben und dass wir eben alle auch Verantwortung füreinander tragen.




2. Leid zweiter Ordnung


Es gibt diese buddhistische Anekdote in der ein Mönch von einem Dieb ein gestohlenes Mahl - ohne über den Diebstahl Bescheid zu wissen – dankbar annimmt und das Essen verspeist. Kurze Zeit später verspürt der Mönch seltsame Gefühle und stiehlt in der nahe gelegenen Gemeinde eine Buddha Statue.

Was steckt dahinter? Nun zunächst einmal das Konzept, dass der materielle Anteil an dem was uns so umgibt (also alles, die gesamte Welt), der Kleinere ist. Viel größer ist der Teil der Energie und die Information die in der Energie steckt. Betrachten wir ein Atom und die Größenverhältnisse zwischen Atomkern und der Hülle, dann wird das deutlich.

Masse Energie und Information

Es gibt diesen gut verstehbaren Vergleich zwischen einem Kirschkern und dem Kölner Dom: Der Kirschkern steht für die Materie und der Kölner Dom für die Energie. Da alles was wir kennen aus diesem Grundbaumuster besteht, ist logischer-weise das meiste was unser Dasein ausmacht Energie und Information, der kleinste Teil davon Materie.


... wenn ich etwas esse, das eine bestimmte Energie bzw. Information in sich trägt - im Falle der misshandelten Tiere also mitunter Gewalt und Leid - nehme ich diese Energie mit in mich auf. Je mehr ich das tue, umso mehr beeinflusse ich meine eigene Energie. Natürlich bin ich dem nicht schutzlos ausgeliefert und ich kann "Gegenmaßnahmen" ergreifen, z.B. Asanas praktizieren, heilsame Meditationen durchführen, durch Karma Yoga entgegengesetzte Energien erzeugen usw. Noch besser wäre es jedoch das alles zu tun und zudem noch leidvolle Energien im Rahmen meiner Ernährung zu vermeiden, wenigstens aber zu reduzieren.


Einfach wäre es nun, das als esoterisches Gequatsche abzulegen, es in die Ecke von Aberglauben zu schieben, es höchstens als Homöopathie abzutun, sich zu denken: "So ein Unsinn..." Aber was, wenn da etwas dran ist?




3. Essen = Lebensenergie = prana


Atmen ist im Yoga ein elementares Ding. Die Atemübungen heißen Pranayama. Prana steht verkürzt für "Lebensenergie". Mit der Einatmung nehme ich neue Energie in mich auf. Tue ich das bewusst, dann bekommt die eingeatmete Energie eine andere Qualität. Atme ich bewusst in einer Umgebung, in der die Luft besonders gut ist, fällt das jedem sofort auf. Der Unterschied, den ich beim Atmen am Atlantik, auf einem hohen Berg oder im Schwarzwald im Vergleich zu einer Tuk Tuk Staufahrt auf einer 8 spurigen Straße mitten durch Bangkok erfahre, ist immens und leuchtet jedem sofort ein.

Stück totes Tier mit einem kleinen grünen Lebensmittel

Genauso wie durch den Atem nehme ich durch die Nahrung Prana in mich auf - oder eben auch nicht. Ein einfaches Gedankenspiel: Was passiert, wenn ich mir mittags in der Kantine eine Schweinshaxe reinpfeife und wie geht es mir im Vergleich dazu, wenn ich LEBENS-mittel zu mir nehme, also beispielsweise schonend gegartes Gemüse, vielleicht ein paar Nüsse und Samen, frisches Obst?


Es gibt Essen, das mir Energie entzieht, weil z.B. die volle Kraft von meinem Organismus benötigt wird, um das Zeugs das ich in mich reinschaufle verdaut werden muss - von den längerfristigen gesundheitlichen Auswirkungen mal ganz abgesehen - und es gibt Essen, das mir mehr Energie zuführt als für die Verdauung erforderlich ist. Wer mal konsequent über einen längeren Zeitraum ausprobieren konnte, sich ausschließlich von hochwertigen LEBENS-mitteln (bitte: ausgewogen!) zu ernähren, weiß ganz genau wie sich das anfühlt und wie gut es dem Körper tut. 


Tierische Lebensmittel gehören prinzipiell zur ersten Kategorie. Aus dem yogischen Gedankengut heraus ist mein Körper aber etwas auf das ich Acht geben sollte, den es zu hegen und pflegen gilt - ich habe nur den einen Körper. Wäre mein Körper das einzige Auto das ich je nutzen könnte, würde ich dann Treibstoff von besserer oder weniger guten Qualität tanken?



Was soll ich nun mit den Austern und dem Pulpo machen?


Zunächst einmal ist dieser Blog Beitrag in erster Linie ein Memo an mich selbst: Hör auf es Dir schön zu reden, führ es Dir vor Augen genauso wie es ist, wenn Du a sagst musst Du auch himsa sagen.


Das ist aber meine persönliche Position, die sich über viele Jahre entwickelt hat und jeder fängt von seinem individuellen Ausgangspunkt aus an. Hagen Rether macht seit Jahren in seinem Programm "Liebe" einen tollen Vorschlag: „Sie müssen ja nicht über Nacht Veganer werden. Bloß nicht immer so preußisch-deutsch 150 prozentig! Entspannen sie sich, sonst haben sie das Gefühl, ihr Leben hört auf. (...) Essen sie einfach immer weniger Tierprodukte, immer weniger und weniger, bis sie in zwei Jahren dann Veganerin und Veganer sind. Sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Die Blutwerte normalisieren sich endlich wieder, die Gelenke tun nicht mehr weh, die alten Klamotten passen wieder, sie haben ein einheitliches Hautbild und sie riechen nicht mehr wie ein Iltis! Weder müssen sie in eine Sekte eintreten, noch auf ein Buch schwören oder Mitgliedsbeitrag zahlen oder bei Vollmond den Wimpel raushängen. Sie müssen einfach nur die Viecher in Ruhe lassen! Sonst nix!“



Ich für meinen Teil kann sagen: Angefangen hat alles mit dem Yoga. Irgendwie kam damit mehr Achtsamkeit und eine intensivere Wahrnehmung in mein Leben. Oft frage ich mich in meiner eigenen Yoga Praxis wie auch in meinen Yogastunden: Wie geht es Dir, wenn Du es so machst, wie geht es Dir, wenn Du es anders machst? Was spürst Du und wo am meisten? Was sagt Dein Körper, was sagen Deine Füsse, was sagt Dein Bauch? Gibt es überhaupt einen Unterschied und wenn ja welchen? Wenn ich lerne wieder zu spüren, auf meinen Körper zu hören, Unterschiede zu fühlen, komme ich in Verbindung - zu mir selbst und irgendwann auch zu dem was mich umgibt. Der Wunsch und das Bestreben Leid zu vermeiden kommt dann eigentlich automatisch mit daher.


Bleibt achtsam.

namaste euer Jochen.



Erstes und letztes Foto: Kristina Klinger





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